Die Seele der Schrift

Meine Ausbildung zum Werbetechniker, die ich Ende der 80er Jahre begann, ließ mich zwei Seiten eines Berufes erlernen: Die alte (Schrift)-Schule, in der mühsam Buchstaben von Hand in Liniensysteme eingezeichnet wurden und der Pinsel und die Schneidefeder mit zu den wichtigsten Werkzeugen gehörten; und die neue (Schrift)-Schule, die jede Schrift unbegrenzt oft, in jeder Größe und Form aus dem Computer über Drucker und Plotter ausgeben kann.

Gerne erinnere ich mich an die stille Faszination, als sich 1987, während meines Schulpraktikums, auf dem Monochrom-Monitor die Umrisse von eben eingetippten Buchstaben langsam und Strich für Strich zeichneten. Nach damaligem Maßstab war es fast schon sensationell, wenn sich der Plotter (Computer-Schneidegerät) mit seiner Klinge über die Klebefolien hermachte und Buchstaben ausschnitt.

Das Innenleben des Computers wurde hauptsächlich von faustgroßen Steckmodulen, die auf einer Platine steckten, ausgefüllt. Jedes dieser Module beherbergte eine Schriftart in einem Schriftschnitt. Brauchte man die gleiche Schrift nicht „medium“, sondern „bold“, war ein weiteres Modul nötig. Wenn ich mich recht erinnere, war die Auswahl somit auf ca. 40 Schriftarten beschränkt.

Die Firma, in der ich 1989 denn auch meine Berufsausbildung zum „Schilder– und Lichtreklamehersteller“ begann, hatte nur einen solchen Computer. Die Arbeitstische waren vielmehr mit Schablonen, Schienen, diversen Zeichen– und Schneideutensilien ausgestattet. Schriftarten, die der Computer nicht hergab, wurden aus Katalogen kopiert und konstruiert. Zu meinen liebsten Arbeiten gehörten auch immer die besonders großen Werbeflächen an Hausgiebeln oder der KölnMesse, da hier oft noch freihändig mit dem Pinsel gemalt wurde.

Inzwischen hat sich viel geändert. Der Beruf, den ich gelernt habe, hat in nur einem Jahrzehnt sein Gesicht vollkommen gewandelt. Der alte Rollenplotter, der laut ratternd in der Ecke neben dem Rechner stand, ist einem Flachbettplotter mit ungleich größeren Ausmaßen gewichen. Neben dem neuesten Microsoft-System wartet auch „Apple Macintosh“ auf Eingabe um über den Digitaldrucker, der mit einer über zwei Meter breiten Druckfläche den Pinsel vollkommen ersetzt.

Ich denke, dass ich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen muss, dass ich den Computer nicht verteufeln will. Die Arbeit an diesem Gerät macht mir Spaß und erleichtert auch mir viele Tätigkeiten. Gerade im Bezug auf die Konkurrenzfähigkeit der Betriebe ist ein Computer unerlässlich geworden.

Wehmütig werde ich eigentlich nur bei dem Gedanken, wie viel Wissen im Bezug auf Schrift und Gestaltung heute nicht mehr vermittelt wird und somit auf absehbare Zeit verloren geht.

Der Umgang mit der Schrift darf sich nicht nur um Informationsvermittlung drehen. Die Arbeit mit der Schrift darf sich nicht nur um die Reproduktion drehen.

Ein Vergleich: Der Synthesizer ist ein beliebtes Instrument im Musikgeschäft geworden. Auf elektronische Weise kann hier jedes beliebige Geräusch erzeugt werden -auch das einer Geige. Es würde aber wohl niemand auf die Idee kommen, den Synthesizer, mag er noch so virtuos programmiert sein, mit dem Klang einer Stradivari zu vergleichen.

Zurück zur Schrift. Den Könner des Schreibens erkennt man nicht (nur) daran, dass er die Proportionen des Buchstabens richtig zu zeichnen oder zu schreiben weiß. Es genügt eben nicht die Abstände (Neudeutsch: Spationierung) richtig zu setzten oder auswendig Schriftklassifikationen herunter zu rasseln.
Der gekonnte spielerische Umgang mit dem Buchstaben und eben nicht das exakte Gleichsein jedes Letters zeigt, ob man die Seele der Schrift gefunden hat.

Um es kurz zu machen. Man muss nicht Kalligraph sein, um sich für Schrift zu begeistern. Schalten Sie zwischendurch mal den Computer aus, legen Sie hin und wieder mal den Kugelschreiber weg (dies gilt bitte auch für Ärzte), benutzen Sie den Füllfederhalter und pflegen Sie Ihre Handschrift. Damit wäre ein sinnvoller Anfang gemacht. Vielleicht erwächst daraus ja die Lust mehr über Schrift und ihre Seele zu erfahren.

Die anspruchsvolleren Sachen erledige gerne weiterhin ich, oder die anderen Vertreter meiner Zunft...